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Andreas Saremba |
08. September 2000 |
Sehr geehrter Herr Thomas Gitzel,
sehr geehrter Herr Andreas
Gitzel,
selbstverständlich respektiere ich Ihren Wunsch, sich an dieser Stelle aus dem Dialog mit mir zu verabschieden; aber einige Schlußbemerkungen kann ich Ihnen dennoch nicht ersparen.
Ihre Behauptung, daß jedes in der Schule vermittelte Geschichtsbild ideologisch geprägt ist, entbehrt jeder Grundlage, und sie zeigt, daß Sie den Unterschied zwischen einer Diktatur und einem freien Land nicht verstehen wollen oder können. Oder Sie haben nicht begriffen, was eine Ideologie ist: Der krampfhafte Versuch, die gesamte Welt und die Geschichte aus einer einzigen Ursache heraus erklären zu wollen. Die beiden großen Ideologien des 20. Jahrhunderts haben behauptet, das zu können und sind beide kläglich gescheitert. Die Nationalsozialisten mit ihrer Wahnvorstellung von der Geschichte als einer Auseinandersetzung von höher- und minderwertiger Rassen, die schließlich mit dem Sieg der Arier und der Vernichtung oder Versklavung der Untermenschen endet; und die Kommunisten mit ihrer pseudowissenschaftlichen Reduzierung der Geschichte auf eine Abfolge von Klassenkämpfen, die zwangsläufig im Paradies des Kommunismus ihre Erfüllung finden. Das Schlimmste an diesem Unterfangen ist ja noch nicht einmal die anmaßende Dummheit dieser Unternehmungen, sondern die praktischen Konsequenzen; denn beide Ideologien haben es nicht bei der Erklärung der Welt belassen, sondern sich das Recht herausgenommen, ihre (angeblich) höhere Einsicht mit brutaler Gewalt durchzusetzen.
Haben Sie sich die heutigen Lernziele der Schulen angesehen und mit denen der DDR verglichen? Haben Sie mit Lehrern gesprochen, oder auf welcher Art von Erkenntnis beruht Ihre Einschätzung des Geschichtsunterrichts in der Bundesrepublik? Und kann es sein, daß gerade die ideologische Simplifizierung von Geschichte die Ursache für den roten Faden war, der Ihnen am Geschichtsunterricht der DDR so gefallen hat? Auf den möchte ich doch lieber verzichten und mich der mühseligen Arbeit unterziehen, mir auf Basis der Fakten selbst eine Meinung zu bilden. Das ist das Ziel des Geschichtsunterrichts (wie überhaupt des Unterrichts) in der Bundesrepublik, nicht die Reproduktion eines von oben vorgegebenen und als unumstößlich ausgegebenen Wissens.
Weiße Flecken in unserer Kenntnis nicht nur der Geschichte haben wir übrigens alle, auch ich. Wer aber in der Schule gelernt hat, sich aus unterschiedlichen Quellen zu informieren und diese kritisch zu vergleichen, wird diese Lücken im Bedarfsfall schließen können. Wenn Sie in eine Buchhandlung gehen, werden Sie den Unterschied zu den Informationsmöglichkeiten in der DDR unschwer feststellen können.
Ihre optimistische Einschätzung, daß ein intelligenter Schüler selbst aus dem Geschichtsunterricht der DDR noch etwas Vernünftiges herausfiltern konnte, mag vielleicht zutreffen; es hat zweifellos auch Lehrer gegeben, die das gefördert haben. Sie konterkarieren sie aber selbst durch Ihre Bewertung des Artikels von Frau Ettelt-Gelke, dessen propagandistische Absicht Sie entweder nicht erkennen wollen oder können. Auf die SED-Terminologie und die Unterschlagung grundlegender Tatsachen habe ich ja schon hingewiesen; aber wir können uns auch an einem konkreten Beispiel ansehen, wie man selbst beim korrekten Referieren von Fakten diese manipulatorisch verkürzen kann.
Frau I.E.G. stellt die Reichspräsidentenwahlen 1925 nicht ohne Berechtigung in einen logischen Zusammenhang mit der späteren Machtübernahme der Nazis. Die reine Erwähnung des Sieges von Hindenburgs unterschlägt aber die nicht unwichtige Tatsache, daß der Kandidat der nationalen Rechten nur deshalb gegen den der demokratischen Mitte (mit 900.000 Stimmen Vorsprung) siegen konnte, weil der chancenlos abgeschlagene Thälmann unbedingt auch noch im zweiten Wahlgang mit seinen 2 Millionen Stimmen eine völlig unsinnige Demonstration kommunistischer Geschlossenheit zelebrierte. Kein Wort davon, daß der Kampf gegen die immer stärker werdende Verschiebung der politischen Macht zur antirepublikanischen Rechten für den heldenhaften Arbeiterführer wohl doch nicht so wichtig war – der war ja auch mit der Bekämpfung der “Sozialfaschisten” vollauf ausgelastet. Legendenbildung und Geschichtsfälschung bedürfen eben nicht unbedingt der platten Lüge – das gezielte Auswählen bzw. Weglassen von Tatsachen ist viel wirkungsvoller. Manchmal hat man sogar besonderen Erfolg, wenn ein Chor von (tatsächlich oder gespielt) naiven Claqueuren treuherzig versichert, die Autorin habe ja nur referiert, wie man es damals eben gesehen habe, und dagegen könne ja wohl niemand etwas haben. Doch, man kann.
Aber Sie haben völlig recht, der schlimmste Satz ist wirklich der von den Thälmannpionieren, die stolz ihr rotes Halstuch trugen. Was soll der als reine Beschreibung für eine Aussagekraft haben? Kinder werden immer treue Anhänger derer sein, die man Ihnen als Identifikationsfiguren darstellt, und sie werden stolz sein, wenn man Ihnen das Gefühl gibt, wichtig zu sein. Wer die Vereinnahmungsversuche einer Diktatur ohne jede kritische Würdigung als harmloses Kinderparadies vorführt, will sie entweder in propagandistischer Absicht verniedlichen, oder er ist so dumm, daß er jede öffentliche Äußerung lieber unterlassen sollte. In welche Kategorie ich Frau I.E.G. einordne, habe ich deutlich gemacht, bei unserem Bürgermeister bin ich mir nicht so sicher. Aber ich wüßte ohnehin nicht, was ich schlimmer finden sollte.
Frau Ettelt-Gelkes Darstellung erinnert mich in fataler Weise an die Gespräche, die ich als Jugendlicher mit Menschen aus der Generation meiner Eltern geführt habe, die auch aus einem Abstand von vielen Jahren noch nicht verstanden hatten, was mit Ihnen gemacht worden war. Natürlich hatten sie in der Hitlerjugend und dem BDM schöne Tage erlebt, und natürlich wollte ihnen niemand die Erinnerung an ihre Jugend miesmachen (genausowenig wie das heute jemand will). Trotzdem habe ich nie verstanden, wie unkritisch (und auch selbstverschuldet uninformiert) erwachsene Menschen auf die Zeit zurückblicken können, in der eine Diktatur ihre jugendliche Naivität und Begeisterungsfähigkeit ausgenutzt hat. Das Brandenburg des Jahres 2000 hat in mancher Hinsicht Ähnlichkeit mit der Bundesrepublik der Adenauerzeit, zumindest was das Vergessen, Verdrängen und Verharmlosen angeht.
Im übrigen unterstellen Sie mir etwas, das ich nie geschrieben habe, nämlich alle gelernten DDR-Journalisten seien Propagandisten des Marxismus-Leninismus gewesen. Ich bemühe mich bei öffentlichen Äußerungen, meine Worte sorgfältig zu wählen, und in diesem Fall habe ich von dem “Berufsethos, das ihrer Zunft in der DDR verordnet wurde” gesprochen. Ich habe bewußt kein Wort davon gesagt, inwieweit jeder einzelne Journalist sich bemüht hat, diesem Ideal zu entsprechen. Bis zur Wende waren aufgrund der allgegenwärtigen Zensur zwar keine kritischen Töne zu vernehmen, aber schon im November 1989 hat sich ja gezeigt, daß weder das “Rote Kloster” in Leipzig noch die sonstige Gehirnwäsche der SED es geschafft hatten, allen Journalisten das eigene Denken abzugewöhnen. Einige haben aber offenbar auch nach zehn Jahren noch nichts dazugelernt.
Über dieses Land, das mir keineswegs verhaßt ist, habe ich seit meinem ersten Besuch 1977 eine ganze Menge erfahren, und ich war auch später als West-Berliner öfter in der DDR als der durchschnittliche Einwohner dieser Stadt. Unterhalten habe ich mich dabei allerdings in der Regel mit Menschen, die ihren Kopf zum Denken benutzt haben und nicht zum Memorieren sozialistischer Propagandaphrasen – das werden Sie vielleicht nicht als ein repräsentatives Bild anerkennen, und möglicherweise ist es das auch nicht. Aber ebenso wie ich früher den Eindruck gewonnen habe, daß unsere Generation in der Schule und aus Büchern mehr über die Mechanismen und Ziele der Nazididaktur gelernt hat als manche unserer Eltern durch das eigene Erleben, scheint es mir auch heute manchmal, daß das Leben in der DDR viele Menschen eher blind für bestimmte Dinge gemacht hat. Man kann auch aus einer intelligenten Analyse eine Menge lernen, und wer beispielsweise Stefan Wolles “Die heile Welt der Diktatur” gelesen hat, weiß vermutlich schon mehr über das Funktionieren der DDR, als Herr Hinz in seinem ganzen Leben begreifen wird.
Ihre triumphierende Frage “Hat Sie die Fülle der Argumente aus den verschiedensten Richtungen von der Unsinnigkeit Ihres Ansinnens überzeugt?” verwundert mich, denn von einer “Fülle” von Argumenten habe habe ich nichts bemerken können, nur von der ständigen Wiederholung dessen, was jedem historisch Interessierten ohnehin bekannt ist. Wenn ich allerdings wählen müßte zwischen einer intensiven öffentlichen Auseinandersetzung über den Umgang mit dem Erbe der SED-Diktatur in Brieselang, die ohne eine Entscheidung über die Thälmannstraße endet, und einer diskussionslosen Entsorgung des bisherigen Straßennamens, würde ich mich ohne Zögern für das Erste entscheiden.
Mit freundlichen Grüßen
Andreas Saremba
Stellungnahme per Email an: andreas@saremba.de