Sehr geehrter Herr Saremba! 1. Jedes Geschichts- und Weltbild, egal in welcher Schule welchen Staates es vermittelt wird, ist ideologisch geprägt. Ja, der Geschichtsunterricht in der DDR war anders als in der Bundesrepublik. Versuchen Sie doch einmal, sich mit Schülern nach mehreren Jahren bundesrepublikanischen Geschichtsunterrichts über die historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts zu unterhalten. In den meisten Fällen werden Sie feststellen. daß von einem "Geschichtsbild" kaum die Rede sein kann. Es wimmelt nur so von weißen Flecken. In der DDR wurde ein Geschichtsbild vermittelt, in dem der "rote Faden" allgegenwärtig war. Wie dick dieser Faden war, hing übrigens auch von den Lehrern ab. War man als Schüler intelligent genug, die Ideologie zu subtrahieren, so blieb eine Struktur, die es ermöglichte, historische Ereignisse zeitlich einzuordnen und in ihrer Prozeßhaftigkeit zu begreifen. 2. Sie nehmen einerseits für sich in Anspruch, nur für sich selbst zu reden. Nur wenige Zeilen weiter maßen Sie sich jedoch an, über das Berufsethos von Frau Ettelt-Gelke zu räsonieren und darüber hinaus eine ganze Berufsgruppe der DDR pauschal zu verurteilen. Woraus leiten Sie denn ab, daß die Autorin des Beitrages im "Brieselanger Kurier" "noch immer tief durchdrungen" ist "vom Berufsethos, das ihrer Zunft in der DDR verordnet wurde, nämlich Propagandist des Marxismus-Leninismus zu sein"? Schließen Sie das aus der Verwechslung von Göring und Göbbels? Oder aus der Beschreibung stolzer Pioniere? Wir können in dem Artikel über die Thälmannstraße keinen "Propagandamüll" oder gar "Verdummungsversuche" finden. In diese Rubrik fällt eher Ihrer Behauptung, Herr Saremba, alle gelernten DDR-Journalisten seien von Hause aus "Propagandisten des Marxismus-Leninismus" gewesen. So einfach ist das nicht mit den Verordnungen und so einfach war es auch in der DDR nicht. Wenn Sie es sich jedoch so einfach machen, laufen Sie Ihrerseits Gefahr, zum Demagogen und Geschichtsklitterer zu werden. 3. Ihren Rat zu mehr Selbstbewußtsein nehmen wir gern entgegen, auch wenn uns das hypertrophierte Selbstbewußtsein einiger unserer neuen Mitbürger, zum Beispiel Ihres, etwas befremdet. Vielleicht dürfen wir Ihnen unsererseits etwas weniger von dieser Eigenschaft empfehlen? Mit etwas mehr Selbstzweifeln und Selbstreflektion hätten Sie vielleicht die Kirche im Dorf gelassen. Sie aber, selbstbewußt wie Sie sind, leiten aus der Kritik an einem Beitrag im "Brieselanger Kurier" gleich die Forderung nach Umbenennung einer Straße ab. Auf diese Problematik gehen Sie in Ihrer Antwort dann ja auch kaum noch ein. Hat Sie die Fülle der Argumente aus den verschiendensten Richtungen von der Unsinnigkeit Ihres Ansinnens überzeugt? Oder sind Sie noch immer der Meinung, daß die Stadt Hamburg als Teil einer "gefestigten Demokratie" sich einen solchen Namen leisten kann, während demokratisch ungefestigte Brieselanger vor einem solchen Namen geschützt werden müssen? Glauben Sie ernsthaft, daß wir nicht in der Lage sind, eine Figur wie Thälmann in ihrer Ambivalenz zu erkennen, zu würdigen und zu kritisieren? Oder haben Sie Angst, wir könnten uns erinnern, daß unser Leben vor 1989 nicht nur aus Propaganda und Indoktrination bestand, sondern daß es auch schöne Momente zwischen Menschen gab? 4. Wir möchten uns an dieser Stelle aus dem Dialog mit Ihnen verabschieden, die oben genannten Fragen sind also eher als Denkanstöße gedacht. Zum Schluß noch eine Empfehlung: Falls Sie von Zeit zu Zeit auch an Ihrem Weltbild arbeiten möchten und nicht nur über das Ihrer Mitbürger wachen wollen, so suchen Sie das unmittelbare Gespräch mit Menschen, die die DDR und dieses heutige Deutschland kennengelernt haben. Schreiben Sie mal einen Leserbrief weniger und mischen Sie sich unter das Volk, das Sie so gut zu kennen glauben. Gehen Sie auf Leute zu und hören Sie sich an, was sie zu erzählen haben über das Leben in dem Land, das Ihnen scheinbar so verhaßt ist. Sie werden überrascht sein. Mit freundlichen Grüßen gez. Thomas Gitzel gez. Andreas Gitzel P.S.: Selbstverständlich können Sie auch diesen Brief im net veröffentlichen.
Stellungnahme per Email an: andreas@saremba.de