Thälmannstraße, letzte Wortmeldung

(A. und T. Gitzel; per Email am 3. September 2000)
Sehr geehrter Herr Saremba! 

1. Jedes Geschichts- und Weltbild, egal in welcher Schule welchen Staates
es vermittelt wird, ist ideologisch geprägt. Ja, der Geschichtsunterricht
in der DDR war anders als in der Bundesrepublik. Versuchen Sie doch
einmal, sich mit Schülern nach mehreren Jahren bundesrepublikanischen
Geschichtsunterrichts über die historischen Ereignisse des 20.
Jahrhunderts zu unterhalten. In den meisten Fällen werden Sie feststellen.
daß von einem "Geschichtsbild" kaum die Rede sein kann. Es wimmelt nur so
von weißen Flecken. In der DDR wurde ein Geschichtsbild vermittelt, in dem
der "rote Faden" allgegenwärtig war. Wie dick dieser Faden war, hing
übrigens auch von den Lehrern ab. War man als Schüler intelligent genug,
die Ideologie zu subtrahieren, so blieb eine Struktur, die es ermöglichte,
historische Ereignisse zeitlich einzuordnen und in ihrer Prozeßhaftigkeit
zu begreifen. 

2. Sie nehmen einerseits für sich in Anspruch, nur für sich
selbst zu reden. Nur wenige Zeilen weiter maßen Sie sich jedoch an, über
das Berufsethos von Frau Ettelt-Gelke zu räsonieren und darüber hinaus
eine ganze Berufsgruppe der DDR pauschal zu verurteilen. Woraus leiten Sie
denn ab, daß die Autorin des Beitrages im "Brieselanger Kurier" "noch
immer tief durchdrungen" ist "vom Berufsethos, das ihrer Zunft in der DDR
verordnet wurde, nämlich Propagandist des Marxismus-Leninismus zu sein"?
Schließen Sie das aus der Verwechslung von Göring und Göbbels? Oder aus
der Beschreibung stolzer Pioniere? Wir können in dem Artikel über die
Thälmannstraße keinen "Propagandamüll" oder gar "Verdummungsversuche"
finden. In diese Rubrik fällt eher Ihrer Behauptung, Herr Saremba, alle
gelernten DDR-Journalisten seien von Hause aus "Propagandisten des
Marxismus-Leninismus" gewesen. So einfach ist das nicht mit den
Verordnungen und so einfach war es auch in der DDR nicht. Wenn Sie es sich
jedoch so einfach machen, laufen Sie Ihrerseits Gefahr, zum Demagogen und
Geschichtsklitterer zu werden. 

3. Ihren Rat zu mehr Selbstbewußtsein
nehmen wir gern entgegen, auch wenn uns das hypertrophierte
Selbstbewußtsein einiger unserer neuen Mitbürger, zum Beispiel Ihres,
etwas befremdet. Vielleicht dürfen wir Ihnen unsererseits etwas weniger
von dieser Eigenschaft empfehlen? Mit etwas mehr Selbstzweifeln und
Selbstreflektion hätten Sie vielleicht die Kirche im Dorf gelassen. Sie
aber, selbstbewußt wie Sie sind, leiten aus der Kritik an einem Beitrag im
"Brieselanger Kurier" gleich die Forderung nach Umbenennung einer Straße
ab. Auf diese Problematik gehen Sie in Ihrer Antwort dann ja auch kaum
noch ein. Hat Sie die Fülle der Argumente aus den verschiendensten
Richtungen von der Unsinnigkeit Ihres Ansinnens überzeugt? Oder sind Sie
noch immer der Meinung, daß die Stadt Hamburg als Teil einer "gefestigten
Demokratie" sich einen solchen Namen leisten kann, während demokratisch
ungefestigte Brieselanger vor einem solchen Namen geschützt werden müssen?
Glauben Sie ernsthaft, daß wir nicht in der Lage sind, eine Figur wie
Thälmann in ihrer Ambivalenz zu erkennen, zu würdigen und zu kritisieren?
Oder haben Sie Angst, wir könnten uns erinnern, daß unser Leben vor 1989
nicht nur aus Propaganda und Indoktrination bestand, sondern daß es auch
schöne Momente zwischen Menschen gab? 

4. Wir möchten uns an dieser Stelle
aus dem Dialog mit Ihnen verabschieden, die oben genannten Fragen sind
also eher als Denkanstöße gedacht.

Zum Schluß noch eine Empfehlung: Falls Sie von Zeit zu Zeit auch an Ihrem
Weltbild arbeiten möchten und nicht nur über das Ihrer Mitbürger wachen
wollen, so suchen Sie das unmittelbare Gespräch mit Menschen, die die DDR
und dieses heutige Deutschland kennengelernt haben. Schreiben Sie mal
einen Leserbrief weniger und mischen Sie sich unter das Volk, das Sie so
gut zu kennen glauben. Gehen Sie auf Leute zu und hören Sie sich an, was
sie zu erzählen haben über das Leben in dem Land, das Ihnen scheinbar so
verhaßt ist. Sie werden überrascht sein. 

Mit freundlichen Grüßen
gez. Thomas Gitzel
gez. Andreas Gitzel

P.S.: Selbstverständlich können Sie auch diesen Brief im net
veröffentlichen. 


Stellungnahme per Email an: andreas@saremba.de

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