Leserbrief von Walter Rosenberg

(Märkische Allgemeine Zeitung, 24.8.2000)

Zufall oder nicht – ausgerechnet zum 64. Todestag von Ernst Thälmann – wird von Andreas Saremba in einem offenen Brief die Umbenennung der Ernst-Thälmann-Straße in Brieselang gefordert, da dieser, so zitiert in der Märkischen Allgemeinen Zeitung, "ein fanatischer Feind des demokratischen Staates war" und wenn schon Straßen nach Politikern benannt werden, "dann bitte nach einem, der der Jugend eines demokratischen Staates als Vorbild dienen kann".

Andreas Saremba schüttet hier das Kind mit dem Bade aus. Ich bin, nachdem ich vor fast zehn Jahren aus Westberlin zuziehend in Brieselang wohnhaft bin, froh gewesen, dass es keine aufgeregten Bilderstürmereien in Brieselang gab, wie dies in vermeintlicher Tilgung der Vergangenheit oftmals stattgefunden hat.

Geschichte hat eine Adresse, Ernst Thälmann, Clara Zetkin und Karl Marx sind historische Personen, die in der Geschichte der DDR eine große und positiv besetzte Rolle gespielt haben.

Dies gilt es zu respektieren, wir reden schließlich nicht von Josef Stalin. Aber es geht nicht nur um die Frage, dass Brieselang Wichtigeres zu tun hat und um die Frage, wie wir gut ausgebaute Straßen bekommen.

Gerade in einer Zeit, in der Skinheads und Neonazis die demokratische Öffentlichkeit beunruhigen und mich zum Schämen bringen, muss es auch für ehemalige Westberliner angebracht sein, ein differenzierteres Bild zu historischen Persönlichkeiten wie Thälmann zu bekommen.

Fakt ist, dass der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Deutschlands und Reichstagsabgeordnete Thälmann wie viele Kommunisten durch die Nazis als erste brutal verfolgt und im Konzentrationslager ermordet wurden.

Schon das reicht für mich für eine Würdigung seiner Person aus. Er ist auch Opfer des Stalinismus, da Stalin sich, wie man heute weiß, aus Propagandagründen nicht für seine Freilassung einsetzte, obgleich er die Möglichkeit dazu hatte.

Ich weigere mich, Opfer des nazistischen Terrorregimes in "gute" und "schlechte" Tote zu unterteilen. Nicht Thälmann, sondern seine Ermordung ist Teil der Vernichtung der Demokratie in Deutschland. Daran gilt es zu erinnern.

Im Übrigen ist es verfehlt, historische Personen an den Grundsätzen eines später entstandenen Verfassungsauftrages zu messen.

Warum gibt es in Berlin die Würdigung von Kaiser Wilhelm in zahlreichen Ortsbenennungen, welcher der Demokratie feindlich gesonnen war? Warum gibt es zahlreiche Kasernen der Bundeswehr, die nach zweifelhaften Generalen der Wehrmacht benannt sind?

Mehr Gelassenheit für unser Zusammenwachsen in Ost und West ist gefordert. In Westberlin gab es auch in den fünfziger Jahren trotz ähnlicher Forderungen eine Karl-Marx-Straße, in Hamburg, der Geburtsstadt Ernst Thälmanns, gibt es seit den 80-er Jahren einen Platz, der nach Thälmann benannt ist.

Es ist erfreulich, dass die Gemeindevertreterversammlung Brieselang in dieser Angelegenheit in der Vergangenheit keinen Handlungsbedarf sah.

Wir werden unsere gemeinsame Geschichte schon gemeinsam auslöffeln müssen. Zu dieser gehört auch Thälmann.

Walter Rosenberg,
Brieselang


Stellungnahme per Email an: andreas@saremba.de

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