Andreas Saremba
Amselweg 19
14656 Brieselang
Tel. 033232/38264

13. August 2000

Offener Brief an den Bürgermeister und den Gemeinderat der Gemeinde Brieselang

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

Ihre Sekretärin, Frau Ettelt-Gelke, hat in der jüngsten Ausgabe des "Brieselanger Kuriers" in einem Artikel über die Brieselanger Thälmannstraße ihre ganz persönliche Sicht der jüngeren deutschen Geschichte dargelegt.

Es stört mich nicht in erster Linie, daß Frau Ettelt-Gelkes Faktenkenntnisse lückenhaft sind. (Nicht Göring, sondern Goebbels war Hitlers Propagandachef; das hat man sicher auch in der DDR gelernt.) Auch der SED-Jargon ("Hitlerfaschisten" statt der historisch korrekten Bezeichnung Nationalsozialisten) verwundert mich nicht besonders. Er paßt ja immerhin zur Sprache Thälmanns, für den Sozialdemokraten "Sozialfaschisten" waren.

Die in dem Artikel betriebene Verklärung Thälmanns als einer Lichtgestalt der deutschen Arbeiterbewegung sollten Sie als Sozialdemokrat eigentlich mindestens ebenso ärgerlich finden wie ich. Vielleicht interessiert es Ihre Sekretärin, was z.B. die Encyclopedia Britannica über ihr Idol sagt (Ausgabe 1988, Auszug):

«Thälmanns Aufstieg zu nationaler Prominenz begann 1925. Mit der Stalinisierung der Sowjetunion wählte ihn die Komintern dazu aus, denselben Prozeß in Deutschland durchzuführen. Er betrachtete die SU als das Vaterland des Proletariats und folgte widerspruchslos Moskaus Anordnungen.

Gleichzeitig mit dem Heraufziehen der Depression und der nachfolgenden rapiden Machtausweitung der Nazis konzentrierte sich Thälmanns Partei, getreu der Linie der Komintern, auf die Sozialdemokratie als Hauptfeind. Die Partei war fast völlig unvorbereitet, als Hitler Anfang 1933 die Massenverhaftung kommunistischer Funktionäre anordnete, die die Organisationsstruktur der Partei praktisch zerstörte.»

Konsequenterweise weiß Frau Ettelt-Gelke zu berichten, daß der Name Thälmanns “zu DDR-Zeiten ... einen ehrenvollen Klang” hatte. Am schlimmsten ist aber ihre Hymne auf die Thälmann-Pioniere, die “stolz ihr rotes Halstuch ... trugen”. Wenn die Begeisterung von Kindern und Jugendlichen alleiniger Qualitätsausweis für eine gelungene Erziehung sein soll, möchte ich daran erinnern, daß auch die braunen Diktatoren es bestens verstanden haben, junge Menschen für ihre Ziele zu begeistern, indem sie ihre Abenteuerlust, ihren Ehrgeiz und ihren Idealismus ausnutzten.

Nebenbei bemerkt: Der Heldenkult um Thälmann war in der DDR durchaus nicht frei von Verlogenheit. Er ist von dem nazistischen Mordgesindel umgebracht worden, das stimmt; aber ist jemals in diesem Staat eines der unzähligen Kommunisten gedacht worden, die von Stalins Schergen ermordet wurden? Was war also das Kriterium für die Ehrung, der Mord oder die politische Haltung der Mörder?

Die historische Wahrheit ist, daß Thälmann ein fanatischer Feind des demokratischen Staats war und zusammen mit seinen Gesinnungsgenossen wesentlich zu dessen Zerstörung beigetragen hat. Daß er als einer der Wegbereiter der SED-Diktatur zehn Jahre nach ihrem jämmerlichen Ende immer noch durch einen Straßennamen in Brieselang geehrt wird, ist für mich unbegreiflich.

Zur Zeit wird – mit Recht – intensiv über die Bekämpfung des Rechtsextremismus diskutiert. Die primitive Menschenfeindlichkeit des braunen Pöbels sollte uns aber nicht den Blick dafür verstellen, daß es noch andere Feinde der Demokratie gibt, auch wenn ihre Methoden weniger brachial sind und ihr Gift langsamer wirkt.

Frau Ettelt-Gelkes Geschichtsklitterung ist ein guter Anlaß, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Ich appelliere an Sie als Bürgermeister und an den Gemeinderat, endlich eine Umbenennung der Thälmannstraße einzuleiten. Wenn die Brieselanger Hauptallee schon nach einem Politiker benannt sein muß, dann bitte nach einem, der der Jugend eines demokratischen Staates als Vorbild dienen kann. Kurt Schumacher, auch er ein Opfer der Nazis, fiele mir spontan als ein gutes Beispiel ein.

Mit freundlichen Grüßen
Andreas Saremba


Stellungnahme per Email an: andreas@saremba.de

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